Geschichte/n

Wer «schädlich Thier» umbrachte, wurde belohnt

Der Wolfsfelsen erinnert an die Zeit der Ausrottung.

Der Wolfsfelsen im Steineggerwald und seine Geschichte. Foto: Erich Gmünder

1695: In Frankreich regierte der Sonnenkönig, Ludwig XIV., der Bodensee fror komplett zu, der Komponist Henry Purcell starb - und im Steineggerwald bei Teufen erschlugen ein paar Männer den letzten Wolf im Appenzellerland.

Daran erinnert der Wolfsstein: «Der letzte Wolf soll 1695 im Walde von Steinegg bei Teufen erlegt worden sein. Die Jahreszahl wurde in den Felsen gehauen und der Ort Wolfsgrube genannt.» Eingehauen wurde die Inschrift zur Erinnerung an den letzten Appenzeller Wolf 1882 anlässlich der Waldvermessung. 1)

Das Tier war in eine Wolfsgrube (Falle) gestürzt und dann tot geprügelt worden. Eine Wolfsgrube ist eine drei bis vier Meter tiefe grosse Falle, die meist mit Steinen ausgeschlagen wurde. Als Köder dienten Schafe, Gänse oder Ferkel. Weil die Köder «Laut» gaben, wurden die Wölfe angelockt und stürzten in die Falle. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden auch in Deutschland Wölfe auf diese Weise eingefangen.

Alle «Raubtiere» ausgerottet

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts schafften es die Appenzeller, alle «grossen und gefährlichen Raubtiere» auszurotten: Für «schädliche» Wildtiere gab es keine Schonzeiten. Die Obrigkeit förderte ihre Liquidation mit Prämien. Bereits um 1750 waren Bär, Wolf und Luchs im Appenzellerland ausgestorben. In der Kirche Gais und im Rathaus in Herisau wurden noch bis um 1800 Wolfsgarne (Wolfnetze) aufbewahrt.

Laut Landbuchbestimmungen von 1747 bezahlte die Ausserrhoder Obrigkeit für einen erlegten Bären 10 Pfund Pfennige und für einen Wolf 50 Gulden. 2) 1673 wurde in Urnäsch der letzte Bär abgemurkst: Am 6. Juli hatten «Weibspersonen» beim Kirchgang den Bären gesichtet. Er wurde von «Wildschützen» erschossen und soll zwei Zentner gewogen haben. 3)

1695 wurde im Steineggerwald zwischen Teufen und Speicher der letzte Wolf «erledigt», 1747 auf der Hundwiler Höhe der letzte Luchs geschossen. Der letzte Lämmergeier wurde 1833 am Kamor beobachtet. 4)

Biberhaare gegen Nasenbluten

Bis 1876 war die Jagd in Ausserrhoden «für jeden Landesbewohner» frei. Nur Auswärtigen war es verboten, «zu jagen, schüssen, fischen oder voglen». Was auf dem Speisezettel der Bewohner der 1275 zerstörten Herisauer Burg Urstein stand, darüber gaben bei Ausgrabungen entdeckte Knochen Aufschluss: Hirsch, Hase, Auerhuhn, Rebhuhn, Elster und Taube. Diese Tierknochen machten aber nur 1,5 Prozent aller identifizierbaren Tierkno-chen aus. 5)

Eine grössere Rolle spielten tierische Bestandteile in der Volksmedizin: Fuchsschmalz wurde gegen Zittern und steife Glieder empfohlen, verbrannte Biberhaare gegen Nasenbluten, Dachsschmalz gegen Nierenschmerzen und Kontrakturen (Bewegungseinschränkung von Gelenken durch Verkür-zung von Muskeln, Sehnen oder Bändern). In Essig eingelegte und mit Pfeffer angereicherte Fuchs-Lungen waren das Mittel der Wahl gegen Tuberkulose und Seitenstechen. 6)

Jagdverbote

Da die Wälder massiv abgeholzt und die Alpen intensiv bewirtschaftet wurden, reduzierten sich die Wildbestände derart stark, dass die Obrigkeit bereits um die Mitte des 16. Jahrhunderts Jagdverbote aussprach und Banngebiete festlegte. 1534 wurde ein Jagdverbot für Hirsche, Rehe, Gämsen, Füchse, Murmeltiere, Hasen, Auer-, Schnee-, Hasel- sowie Rebhühner, Enten und Schwalben erlassen. Zur selben Zeit wurde im Alpstein ein grosses Schongebiet ausgeschieden, wovon die «Bannberg»-Regelungen im silbernen Landbuch zeugen. 7).

Einzig «gefährliche und schädliche» Wildtiere, wie Bär, Wolf, Otter und Luchs, blieben «jagdbar».

Banden von Nimroden

Ganz grob ging’s in der Appenzeller Jagdszene 1876 zu: Damals forderten Jäger in der Appenzeller Zeitung ultimativ eine regierungsrätliche Jagdverordnung. Sie wollten partout kein Gesetz, denn es dauere viel zu lange, bis die «Gesetzesverwerfungsmaschine Landsgemeinde» einem Gesetz zustimmen würde. 8 )

Das Bundesgesetz über Jagd- und Vogelschutz von 1875 – so die empörten Jäger – habe sich nicht bewährt. Es bringe vielmehr grosse Übelstände mit sich: Ganze Banden von Nimroden seien gemeinsam auf die Jagd gegangen, sodass man glaubte «eine Kompagniekolonne aus dem spanischen Karlistenlager vor sich zu haben.» Diese Banden hätten nicht geruht, «als bis das letzte Bein des letzten harmlosen Wildes zusammengeschossen wäre.» Die Jäger seien gezwungen, «auf entsprungene Tiere aus den Nachbarkantonen zu fahnden», was «nicht nobel» sei.

Aus für «freie Jagd»

Abgeknallt wurden nicht nur Hühner, Tauben und Katzen, sondern auch Eichhörnchen, Spechte, Stare, Amsel und Drossel, Finken, Hänflinge und Meisen, «bis Pulverhorn und Schrotsack geleert sind.» Ausserdem wäre «manche Hausfrau dem Staate verbunden, wenn er dem Manne das Jagen verböte», mutmassten die Jäger. Schon 1866 hatten die Kantone St. Gallen und beide Appenzell rund um den Säntis einen Bannbezirk ausgeschieden. Als dann – noch 1876 – die Ausführungsbestimmungen zum Bundesgesetz und zwei Jahre später das kantonale Strafgesetz in Kraft traten, war es mit der freien Jagd in Appenzell Ausserrhoden endgültig vorbei.

 

Quellen:

1) Staatsarchiv AR: Mp. 02-038 Themendossier Jagdwesen
2) Landbuch des Kantons Appenzell-Ausserrhoden, Trogen 1828, S. 112; vgl. auch StAAR: (Ms.35, Schirmer-Chronik, S. 780ff) 3) Urnäsch: Landschaft – Brauchtum – Geschichte, Urnäsch 2006, S. 38
4) Bächler, E. Der letzte Appenzellerbär, – in: Das Appenzellerland, 1932
5) Appenzellische Jahrbücher 113/1985, Urstein S.124
6) Schläpfer J.G. Naturhistorische Abhandlungen, St. Gallen 1833, S.343ff.
7) Appenzeller Landbücher, Bearb. Nathalie Büsser, Basel 2009. S. 216-220
8) Appenzeller Zeitung Nr. 121 vom 24. Mai 1876

Der Wolf ist wieder da

Ende August gab es erste Hinweise, wonach sich ein Wolf im St. Galler Oberland aufhielt. Das junge männliche Tier soll angeblich im Ramozatobel bei Vättis drei Schafe gerissen haben. Noch fehlen genetische Beweise, dass es sich bei dem Tier, tatsächlich um einen Wolf handelt. Der «Übeltäter» könnte auch ein wildernder Hund sein. Der Wolf ist wieder da: 1991 warf eine Wölfin in Brandenburg erstmals seit 150 Jahren in Deutschland Junge. 200 Jahren nach der Ausrottung kamen vereinzelte Wölfe zurück in die Schweiz, ins Wallis, nach Graubünden, und nun vielleicht im St.Galler Oberland. Seit Juli besteht im Kanton St. Gallen eine Arbeitsgruppe. Sie soll ein Konzept ausarbeiten, damit «der Wolf im Kanton St. Gallen konfliktfrei leben» kann. Bis zur nächsten Alpsaison soll das Papier vorliegen.

Vor einem Jahr hatte das Schweizer Parlament den Schutz des Wolfs gelockert. Danach darf er zum Abschuss frei gegeben werden, wenn er in einem Monat 25, oder in drei Monaten 35 Schafe erlegt hat. In der Septembersession beschäftigte der Wolf das Parlament erneut. Der Bundesrat muss nun einen Bericht ausarbeiten, wie der Schutz von Schaf- und Kuhherden mit Herdenschutz-hunden längerfristig finanziert werden kann. (mw.)

Keine reissende Bestie

Wölfe sind «reissende Bestien». Wölfe leben «in Rudeln.» «Alpha-Wölfe beherrschen das Rudel.» Wildbiologen, die frei lebende Wölfe beobachtet haben, halten solche nachgeplapperten Floskeln für albern. In Zoos gibt es wegen der beengten Platzverhältnisse in den Gehegen tatsächlich andere Verhaltensmuster und «Alpha-Tiere» – in der Freiheit nicht, wie der Wolfsforscher Günther Bloch sagt. 1)

Blochs Freilandbeobachtungen haben das Verständnis der Sozialsystems von Wölfen und anderen Hundeartigen grundlegend verändert: Wölfe leben nicht in «Rudeln», sie leben als Familie, verblüffend menschenähnlich. Gemeinsame Verteidigung des Reviers und Nahrungsnutzung sind die wichtigsten Faktoren. Bei frei lebenden Wölfen – so Bloch – gibt es eine Familienkultur des Jagens, die von den Alttieren an die Jungen weiter gegeben wird. Wölfe betreuen verletzte Familienmitglieder, bringen ihnen Nahrung. Wölfe leben in «Symbiose» mit Raben: Für den Vogel fällt Fleisch ab; Raben und Wolfswelpen sind Spielkameraden. Anderseits alarmieren Raben die Wölfe bei Gefahr, etwa wenn sich Bären oder Pumas nähern.

http://www.hundefarm-eifel.de  1) Günther Bloch/Elli H. Radinger “Wölfisch für Hundehalter – Von Alpha, Dominanz und anderen populären Irrtümern”, Kosmos, 2010. ISBN 9783440122648

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